Neben meiner Tätigkeit als Marketingberater realisiere ich gern eigene Projekte, teils zum Ausgleich, teils um zu experimentieren. Da ich mich schon länger mit Pat Flynns Smart Passive Income-Blog beschäftigt hatte, beschloss ich irgendwann, auch einmal auszuprobieren, ob es wirklich so einfach ist, eine Nischenwebsite aufzubauen und später zu monetarisieren.

2007 entwickelte ich ein sehr erfolgreiches Yogaposter für das Selbststudium, das sich bislang mehrere tausend Mal verkauft hat. Für eine Vertriebskampagne ließ ich damals rund 2.000 Adressen von Yogaschulen recherchieren und aus diesem Verteiler wollte ich ein Portal für Yogaschulen erstellen. Der etwas großspurige Name war schnell gefunden: yogauniversum.de!

Die Euphorie am Anfang

In meiner beruflichen Arbeit entwickele ich häufig Konzepte für komplexe Websites, sodass mir die Konzeption für das yogauniversum schnell von der Hand ging. Das Portal sollte eine regionale Suche nach Yogaschulen ermöglichen und zwar auch nach deren Yogaausrichtung wie z.B. Hatha, Bikram oder Ashtanga. Kommentare und Bewertungen sollten möglich sein. Ebenso ein kostenloses Profil mit Fotos der Yogaschule. Die Geschäftsidee beruhte auf der Vermarktung von Premiumeinträgen und weiterer Werbung.

Die Tücken der Umsetzung

Nach der Konzeption stand ich vor der typischen Wahl: Make or Buy? Sollte ich ein System entwickeln lassen oder eins kaufen? Ich entschied mich für kaufen, was sich später als Fehler herausstellte (einer der kleinen Fehler) Durch meine Recherche stieß ich auf ein WordPress-Theme, nein eher ein komplettes Portalsystem namens Geoplaces, das genau meinen Anforderungen entsprach, ja sogar den Verkaufsprozess von Werbung und Einträgen ermöglichte.

Sprechen Sie Deutsch?

Das Aufsetzen und Einrichten ging binnen von wenigen Stunden. Was ich nicht gesehen hatte, war dass die Sprachdateien nicht sauber gepflegt waren. Ein Teil der rund 2.000 Sätze und Phrasen konnten von mir recht leicht ins Deutsche übertragen werden, andere Systemhinweise insbesondere rund um den Bestellprozess waren aber „hart“ codiert und mussten innerhalb des Programmcodes editiert werden.

Adressen

Geoplaces ermöglicht einen Import von Daten, das hatte ich vorher gecheckt – aber nicht meine Datenbasis! Bislang hatte ich den Verteiler genutzt, um elektronische Mailings zu erstellen.  Die Postadressen hatte ich einfach ignoriert. Leider waren die Daten zum größten Teil unbrauchbar, da sie einfach unvollständig gepflegt waren. Zudem war der Verteiler etliche Jahre alt. Die Lösung war schnell gefunden: Eine Studentin recherchierte alle Adressen nach und pflegte sie in das System ein samt Beschreibung und Schlagworten. Rund einen Monat später hatten wir bereits fast 500 Yogaschulen im Portal. Einige neue meldeten sich sogar bereits an, obwohl ich keine Promotion für das Portal gemacht hatte.

SEO Desaster

Ein Portal lebt natürlich davon gut gefunden zu werden. Da ich mich recht lange mit dem Thema Suchmaschinenoptimierung (SEO) beschäftigt habe und vielen Projekten zu recht guten Rankings verhelfen konnte, glaubte ich, dass ich auch hier den „Trick“ machen könnte. Die einzelnen Einträge der Yogaschulen wurden auch gut gefunden und standen teilweise sogar über den eigentlichen Websites der Yogaschulen. Auf dem Portal konnte man seine Auswahl auch nach Bundesländern treffen und erhielt dann eine Google Maps mit allen Einträgen.

Was jedoch gar nicht klappte, war die Listung dieser Übersichtsseiten nach Bundesländern. Eine Katastrophe! Beim Nachrecherchieren stellte ich fest, dass die Entwickler die Auswahl der Gebiete nicht auf eine echte Adresse wie yogauniversum.de/berlin legten, sondern die  Auswahl nur in einem Cookie speicherten. Für Google waren die Übersichtsseiten alle leer! Einen Fix für dieses Problem gab es nicht.  Und das komplexe System zu verändern war unmöglich.

Der Kardinalfehler

Zu diesem Zeitpunkt verließ mich bereits etwas die Lust, das System weiterzuführen. Aber ich überlegte doch noch, ob ich alles auf ein anderes individuelles System migrieren sollte. Ich hatte schließlich nur drei Alternativen: Laufen lassen, System umstellen, Projekt einstellen. Ich entschied mich fürs Abwarten. Eine gute Entscheidung. In diesem Fall.

Mit der gewonnen Distanz von ein paar Monaten konnte ich mein eigenes „Projektkind“ etwas neutraler betrachten. Und sah plötzlich den Kardinalfehler, der in der Konzeption steckte: Eine Yogaschule sucht man, wenn man mit Yoga beginnt oder wenn man umgezogen ist. Ist die Entscheidung getroffen, bleibt man üblicherweise dort über einen längeren Zeitraum. Andere Yogaschulen interessieren einen dann wenig! Der Anwendungsfall war also viel zu selten, um tatsächlich viel Traffic auf so ein Portal zu ziehen. Zudem begann ich zu begreifen, dass das Yogaumfeld nicht gerade besonders wirtschaftlich interessant ist: es gibt 1-2 Magazine, eine Handvoll Onlineshops, wenige Hersteller, kaum Affiliate-Programme etc.

Change it oder leave it

Eine Lösungsidee, die ich natürlich auch verfolgt habe, war das Portal redaktionell aufzuwerten: Texte für Yogaeinsteiger, Kalender mit Yogaevents, Tipp des Tages, Informationen über die Yogalehrerausbildung etc. Das hieße aber auch: Den Fokus neu setzen. Noch mehr Arbeit investieren. Ich hätte Texte von Journalisten und Yogabegeisterten einkaufen müssen, hätte Termine checken müssen, einen Newsletter aufbauen etc.

Aber genau das wollte ich nicht. Die Entscheidung, das yogauniversum nicht weiter zu verfolgen war damit getroffen.

Im Januar 2013 wurde das System von einer Hackergruppe übernommen. Ich hatte den letzten WordPresspatch nicht eingespielt… Nach einer kurzen Überlegung beschloss ich, das System und die Backups nicht wieder einzuspielen, sondern alles zu löschen und die Domains zu kündigen.

Lessons learned

Was ich daraus gelernt habe und was vielleicht auch Ihnen weiterhelfen kann:

  • Meine Vermutung hat sich bestätigt: Eine Nischenwebsite aufzubauen erfordert viel Know-how und Zeit. Ein passives Einkommen, das man einfach mal so nebenbei generiert, ist das nicht.
  • Das Thema muss Sie begeistern! Und zwar so, dass Sie jedes neue Hindernis auch als positive Herausforderung und nicht als entmutigendes Problem sehen können.
  • Es ist wichtig, sich sehr genau Gedanken über das Geschäftsmodell und die Anwendungsfälle eines Onlineprojektes zu machen
  • Die technischen Anforderungen sollten vorher genau definiert werden. Rechnen Sie damit, dass Sie einiges übersehen werden, ergänzen und verändern müssen. Verdoppeln Sie die abgeschätzte Zeit.
  • Nur SEO reicht nicht, um dauerhaft Besucher für ein Onlineportal zu gewinnen. Ohne interessanten aktuellen Content läuft nichts. Den muss man nicht selbst generieren. Man kann ihn auch einkaufen.
Resümee: Manche Erfahrungen muss man selbst machen, auch wenn sie unangenehm sind. Ich habe bei diesem Experiment mehr gelernt, als ich mir hätte anlesen können. Das Scheitern gehört zum Erfolg dazu. Und das nächste Projekt wird besser laufen. Bestimmt.

23.01.2013, Enno E. Peter

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